Crowdfunding

Prof. Dr. Andreas Dietrich, im Kulturbereich hört man immer wieder von erfolgreichen Crowdfunding-Kampagnen. Sie sagen, dass auch immer mehr KMU in der Schweiz Crowdfunding entdecken. Was sind das für Unternehmen?

KMU, welche über "Crowdlending" an Fremdkapital gelangen, sind meistens eher klein und jung. Meist handelt es sich um Kredite zwischen 200'000 und 300'000 Franken. Im Bereich «Crowdinvesting» geht es um Beteiligungsfinanzierungen für Jungunternehmen. Hier geht es also oftmals um Firmen, die noch ganz am Anfang ihrer Entwicklung stehen. Häufig nutzen Unternehmen die Crowd auch für die Vorfinanzierung ihre Produkte.

Können Sie uns ein konkretes Beispiel nennen, wie ein KMU ein wichtiges Projekt dank Crowdfunding realisieren konnte?

Auch hier ist die Bandbreite aufgrund der verschiedenen Arten von Crowdfunding sehr breit. Dies kann ein Kredit sein für die Anschaffung einer Maschine. Möglich ist aber beispielsweise auch die Entwicklung einer neuen Uhr, bei der die Kosten für die Produktion vorfinanziert werden.

Werden wir ganz konkret: Ich bin Unternehmer und brauche dringend Geld für eine neue Maschine. Die Bank gibt mir keinen Kredit. Wie kann ich bei der Online-Community Geld akquirieren?

Dann würden Sie wohl eine Finanzierung über eine Crowdlending-Plattform in Betracht ziehen. Aber auch online kriegt man nicht «einfach so» Geld. Die Mitarbeiter der Crowdlending-Plattformen prüfen die Unternehmen ähnlich wie Banken im Hinblick auf ihre Bonität. Wenn die Bank den Kreditantrag abgelehnt hat, ist es auch gut möglich, dass dies bei der Crowdlending-Plattform der Fall sein will.

Es gibt mehrere Hundert Crowdfunding-Plattformen im Internet. Wie findet man in diesem Dschungel von Möglichkeiten die richtige Plattform?

Überlegen Sie zuerst, ob rein finanzielle Motive im Vordergrund stehen oder ob auch das Marketing und der direkte Vertrieb wichtig sind und ob Sie für den Endkunden ein spannendes Produkt anbieten können. Wenn die Marketingkomponente und der direkte Vertrieb wichtig sind, könnte eine Crowdsupporting-Plattform spannend sein. Hier gibt es zwar derzeit 16 Anbieter hierzulande. Viele davon haben aber ein klares Profil, für welche Art von Projekten sie vor allem stehen möchten. Insofern schränkt sich die Auswahl dann doch ein. Wenn es um die reine Finanzierung über einen Kredit geht, dann können Sie sich über eine Crowdlending-Plattform für einen Kredit bewerben. Hier gibt es für KMU derzeit «nur» sechs Plattformen. In unserer gerade kürzlich erschienenen Marktstudie «Crowdfunding Monitoring 2018» können Sie sich über die existierenden Schweizer Plattformen mit ihren Spezialisierungen informieren. 

«Crowd» bedeutet Menschenmasse. Die Masse ist immer anonym. Wie weiss ein KMU, ob das beschaffte Geld auch «sauber» ist bzw. von einem seriösen Investor stammt?  

Die bestehende Gesetzgebung gilt im Grundsatz auch für Crowdfunding Plattformen. In Ihrer Frage sprechen Sie Geldwäscherei an. Die Plattformen sind verpflichtet, sich auch an das Geldwäschereigesetz zu halten.

Ist Crowdfunding eine Alternative zu Bankkredit und Venture Capital oder eher eine Ergänzung?

Eigentlich ist es beides. Es kann sowohl als Alternative angeschaut werden, denn für viele Unternehmen stehen beide Wege offen, als auch als Ergänzung. Potenzielle Vorteile können tiefere Kosten und eine schnellere Abwicklung sein. Das ist aber nicht immer der Fall. Eine eigentliche Empfehlung ist daher nur im Einzelfall zu erteilen.

Kann sich Crowdfunding für ein KMU oder Start-up lohnen, das in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist?

Ja – gerade Marketing- und Kommunikationsüberlegungen können wichtige Kriterien bei der Wahl der Finanzierungsart sein. Personen, die einem KMU für ein spezifisches Produkt Kapital geben, sprechen oftmals auch darüber. Das kann einen positiven Marketing-Effekt haben. Des Weiteren kann man als Unternehmen mit den potenziellen Kunden in einen direkten Dialog treten. Das hilft möglicherweise vor allem jungen Unternehmen, die Bedürfnisse ihrer Zielkunden noch besser zu verstehen und direkter kommunizieren zu können.

Das Interview mit Prof. Dr. Andreas Dietrich führte die Wirtschaftsförderung Kanton Solothurn im Mai 2018.